Interview mit dem technischen Direktor

Als Abschluss des Jubiläumsjahres soll der technische Direktor des Regionalen Rechenzentrums Erlangen, Dr. Gerhard Hergenröder (GH), zu Wort kommen. Im Interview mit der Redaktion (Red.) gibt er spannende Einblicke in seinen beruflichen Werdegang, erzählt von persönlichen Erlebnissen und verrät, was ihn daran fasziniert, Teil und zugleich Kopf des Rechenzentrums zu sein. Viel Vergnügen beim Lesen!

Sie wollen hinter die Kulissen schauen? Hier das Interview ohne „Zensur“ lesen!

Red.: Lieber Herr Doktor Hergenröder, dieses Jahr begeht das Rechenzentrum sein 50-jähriges Jubiläum. Was kommt Ihnen da zu allererst in den Sinn?
GH: Dass ich auch gerne noch einmal fünfzig wäre [lachen]. Ja, was kommt mir in den Sinn? Fünfzig Jahre zurück war natürlich die Zeit der 68er, die Zeit der guten Rockmusik und ich war gerade noch im Gymnasium und habe meinen ersten Computer bekommen, der quasi noch von Hand betrieben war. Ich habe ihn sogar noch hier in meinem Büro stehen.

Red.: Wie sind Sie ans Rechenzentrum gekommen?

RJE-Station Nürnberg 1974

GH: Das erste Mal am Rechenzentrum war ich 1978. Mein Schwager besuchte damals die Fachhochschule in Nürnberg. Dort gab es eine sogenannte RJE, eine Remote Job Entry-Station, die an den Großrechner angeschlossen war. Das war der einzige Rechner, den es hier im Hause gab. Der zweite Großrechner stand in unserem jetzigen Rechnerraum, das war die TR440, an der mein Schwager programmierte. Mit ihm war ich damals das erste Mal am Rechenzentrum, ohne natürlich zu wissen, dass ich einmal Informatik studieren werde. Aber die Sache war für mich damals schon sehr interessant. Richtig angefangen habe ich hier dann ein Jahr später nach meinem Abitur.

Hergenröder bei Promotionsfeier

Red.: Sie sind also als studentische Hilfskraft ans Rechenzentrum gekommen?
GH: So tausendprozentig genau weiß ich das jetzt nicht mehr. Also 79 habe ich angefangen zu studieren. Was ich auf jeden Fall weiß, ist, dass ich meine Studienarbeit 82 abgegeben hatte. Die lief schon hier am Rechenzentrum in der Abteilung Kommunikationssysteme. Und meine Diplomarbeit wurde durch Professor Hofmann betreut.

Red.: Seit dem Jahr 2000 sind Sie nun schon technischer Direktor am Rechenzentrum. Wie hat sich das Rechenzentrum in dieser Zeit in Ihrer Wahrnehmung gewandelt?
GH: Ganz am Anfang hatten wir nur einen „Dampfrechner“, 1978 waren es dann schon zwei. Die TR440 und die Control Data 3300. Jetzt haben wir zehntausende von Prozessoren, die untereinander vernetzt sind. Im Prinzip haben wir das Rechenzentrum vom reinen Rechnerbetrieb zu einem riesigen Dienstleistungsbetrieb ausgebaut.

Red.: Was zeichnet Ihrer Meinung nach das Rechenzentrum aus?

GH: Das wichtigste ist für mich die Stimmung am Rechenzentrum. Die Zusammenarbeit ist wirklich das, was uns auszeichnet. Andere Firmen betreiben riesigen Aufwand, um ein Corporate-Identity-Gefühl aufzubauen – das ist bei uns systemimmanent und das ist einfach toll. Auf Wissenschaftsebene zeichnen uns natürlich unsere beiden Standbeine Forschungsgruppe Netz und High Performance Computing aus, die sich alle auch auf internationalem Parkett einen Namen gemacht haben.

Anschneiden der RRZE-Geburtstagstorte

Hier sind wir gerade dabei Tier2-Anbieter zu werden, wovon auch die Universität in den nächsten Jahren stark profitieren wird. Technologisch ist insbesondere die Qualität unserer Server und Netze hervorzuheben, die praktisch ausfallsicher rund um die Uhr laufen. Auch die Tatsache, dass wir 2004 die Verwaltungs-DV übernommen haben und damit bestehende Synergieeffekte nutzen, ist hervorzuheben. Und ein absolutes Alleinstellungsmerkmal technologischer Art ist unser Identity Management. Es ist wirklich weltweit bahnbrechend und gibt es so nicht zu kaufen.

Red.: Sie haben in Ihrem Leben bereits zahlreiche technologische Entwicklungen miterlebt. Welche faszinieren Sie im Nachhinein am meisten?
GH: Eine technologische Entwicklung, an der ich persönlich beteiligt war, war die erste Kopplung des Großrechners hier im Haus mit dem Prozessrechner in der Physik. Das war 1981 und dass zwei Rechner über einen genormten File Transfer Daten austauschen und miteinander kommunizieren, das ist ja mittlerweile in jedem modernen Chip enthalten. Die Verbindung von zwei Rechnern, die sich dann auch qualifiziert und auf vernünftige Art und Weise über Protokolle unterhalten, das hat eigentlich alles erst zum Laufen gebracht. Es gäbe kein Internet, wenn es nicht vorher die Netze und die OSI-Modelle gegeben hätte. Wie und auf welche Weise sich Computer widerspruchsfrei miteinander unterhalten, das ist eigentlich die Basis für alles gewesen. Dass jetzt jeder ein iPhone in der Hand hat, mit dem er eine App runterlädt, ist eine Folge der damaligen Entwicklungen. Die Netze waren, meiner Meinung nach, wirklich der große Sprung nach vorne.

Red.: Gibt es technologische Entwicklungen, die Sie im Nachhinein erschrecken?
GH: Es ist weniger die Technologie selbst, die mir Angst macht, sondern der Umgang mit der Technologie. Deswegen auch immer wieder mein Credo, dass man das, was man in den letzten 20 Jahren in den Schulen verschlafen hat, endlich angeht. Die Kinder müssen wissen, was da in der Welt passiert. Die Kinder müssen wissen, was Vernetzung bedeutet. Die Kinder müssen wissen, was Komplexität bedeutet. Das kann man auch anerziehen oder antrainieren. Die Kinder müssen wissen, was durch diese Komplexität alles möglich ist. Das Thema „Big Data“ ist ja in aller Munde. Jeder redet darüber, aber keiner kann sich vorstellen, wie unzählig viele Daten herumliegen und welche Verbindungen jetzt schon möglich sind, die den menschlichen Geist völlig überfordern. Ich denke, das ist eine ganz große Aufgabe für die mittlere Zukunft.

Red.: Dann kommen wir mal zu etwas leichterer Kost. Wie sieht denn so der typische Tag im Leben eines Rechenzentrumsleiters aus?
GH: Eigentlich ist ein Rechenzentrumsleiter dafür da, dass er ein bisschen in die Zukunft blickt, dass er Visionen hat und dass er die IT-Versorgung der Universität mitgestaltet. Dazu kommt man aber fast zu wenig, weil einen der Alltag aufhält. Einen großen Teil der Zeit nimmt zum Beispiel die Personalakquise in Anspruch, weil leider deutlich weniger als die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier eine echte Stelle haben und der Personaldurchsatz dadurch extrem hoch ist. Was mach ich sonst noch? Gute Frage. Sitzungen abhalten.

Red.: Und am Abend bouldern gehen. Wenn wir schon bei dem Thema sind. Was ist denn eigentlich Ihr liebstes Hobby?
GH: Ich habe eigentlich zwei Hobbys, das eine ist Motorrad fahren, das andere ist Schlagzeug spielen, wenn ich denn dazukomme. Und in letzter Zeit ist noch das Bouldern mit einigen Kollegen dazugekommen, was wirklich Spaß macht. Es ist eine Mischung aus Mannschaftssport mit einem bisschen „Gaudi“ und andererseits muss ich mich alleine da hochkämpfen. Das ist ähnlich wie beim Bogenschießen. Da bin ich ja auch nie alleine gewesen, sondern in Begleitung meines Sohnes oder von Kollegen. Man hat ein bisschen Gaudi, läuft durch den Wald und schießt auf Plastikziele. Jeder will gewinnen, es ist eben eine Competition.

Red.: Das heißt, E-Sport kommt für Sie nicht infrage?
GH: Also, ich habe nie wirklich Computerspiele gespielt, in den 90’ern nur ab und zu Tetris. Jetzt habe ich 20 oder 30 Jahre lang gar nicht mehr gespielt, seit Neuestem habe ich aber ein RAID-System zu Hause, auf dem jetzt wieder Tetris läuft. Meine Frau muss immer schmunzeln, wenn ich mir abends den Laptop schnappe.

Red.: Erzählen Sie doch gerne noch etwas zu Ihrer musikalischen Ader!
GH: Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Ich habe zwanzig Jahre lang in verschiedenen Bands gespielt, musste aber 1994 wegen eines Tinnitus erst einmal aufhören. Aus einer Laune heraus habe ich dann vor zwei Jahren am Abend einer ZKI-Tagung mit anwesenden Kollegen beschlossen, wieder Musik zu machen. Wir hatten dann letztes Jahr an der Bundeswehrhochschule unsere Premiere und sind nun dieses Jahr auch zu unserem Mitarbeiter-Sommerfest anlässlich des 50-jährigen Jubiläums aufgetreten.

Red.: Wie sollte Ihrer Meinung nach das RRZE wahrgenommen werden?
GH: Durchaus wichtig ist, dass wir ein wissenschaftliches Rechenzentrum sind und als solches auch auf jeden Fall weiterhin Bestand haben. Mir ist es außerdem wichtig, immer wieder zu betonen, dass wir ein Team von Profis sind. Hier arbeiten Leute, die vielleicht nicht jeden Tag, aber fast jeden Tag gern hierherkommen, ihre Arbeit gut und gerne machen und die etwas draufhaben. [Bild von Mitarbeitergruppe]
Red.: Wir sind also die Besten?
GH: Eh klar. [lachen]

Red.: Was wünschen Sie den Besten denn für die Zukunft?
GH: Ich wünsche mir einfach, dass in 50 Jahren … das ist ein bisschen zu weit gegriffen … in 20 Jahren dieses Rechenzentrum ernsthaft noch gebraucht wird. Für die Wissenschaft und die Forschung und die Studierenden. Das ist eigentlich das, was ich hoffe. Sämtliche Kunden, die bei uns vor Ort in den Einrichtungen sind, Sekretärinnen zum Beispiel, brauchen immer Ansprechpartner, an die sie sich wenden können. Und das wird mit Sicherheit eine Zeitlang noch so bleiben. Das ist ja auch eine der wichtigen Säulen, die wir durchs Schulungszentrum und durch die Service-Theken draußen vor Ort weiter betreiben. Aber Hoch- und Höchstleistungsrechnen wird in den nächsten zehn Jahren auf jeden Fall der große Bringer. Und wir werden dabei sein. Dick auf der Agenda steht für die nächsten zehn Jahre auch das Thema Langzeitspeicherung und die Normierung von Wissen. Und dazu braucht man große und vor allem schnelle Speicher und vorher auch Menschen, die ihre Wissenschaften und ihr Wissen kategorisieren können.

Red.: Das heißt, man braucht auch gut ausgebildetes Personal?

Alle RRZE-Azubis von 1998 – 2015
Alle RRZE-Azubis von 1998 – 2015

GH: Ja, natürlich. Und dafür sorgen wir selbst. Die Fachinformatikerausbildung bei uns ist ein riesen Highlight und das betone ich auch immer wieder gerne. Wir haben 60 junge Männer und Frauen ausgebildet, die hinterher wirklich etwas können. Das ist eine staatstragende Rolle, die wir hier spielen. Hierfür haben wir bereits zweimal den Staatspreis von unserem Innenminister erhalten. Unsere Azubis haben die Möglichkeit, von jedem Fachgebiet etwas mitzubekommen. Weil wir auch das am breitesten aufgestellte Rechenzentrum sind. Nicht zuletzt, weil auch die FAU so breit aufgestellt ist.
Wir bieten Dienste jeglicher Art. Für die Verwaltung, für die Studierenden, und und und. Zusätzlich machen wir Wissenschaft und Ausbildung und heben uns damit von anderen Einrichtungen ab.

Red.: Na dann blicken wir hoffnungsvoll auf die nächsten 50 Jahre! Wenn Ihnen jetzt nichts mehr einfällt, würde ich sagen: Das war ein sehr interessantes Gespräch. Vielen Dank Herr Doktor Hergenröder, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben.